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STUDIO CENTRAL (Fotografie Tobias Indermühle – Herzlichen Dank an den Geschäftsführer Colin Norman Appert)


Erinnerungen einer Kinokassiererin

Da gibt es noch viel zu erzählen. Ihr hätte man immer gerne zugehört. Gespräche und der Kontakt sind doch das Wichtigste. Statt Arbeit erschien es ihr eher als Hobby. Von Basel nach Liestal war sie wie Ferien fort. Zurück hat der letzte Zug auch gewartet. Wenn es später wurde, wussten die Kondukteure Bescheid. Da haben sie mit Namen alle gekannt. Die Leute sprechen sie ja heute noch an. 1959 an der Kasse des Oris hat alles begonnen. Sie ist in Liestal aufgewachsen, aber wohnte nach der Heirat schon hier. Da konnte sie bei den Eltern schnell wieder vorbei. Ihr Mann hat die Bewerbung auf die Anzeige unterstützt. Es gab eine mühsame Nachbarin im Haus. Man wollte etwas unternehmen. Die Frau vom Chef hat ihr die Sache gezeigt. Schnell, schnell, schnell musste es gehen. In fünf Minuten wurden die 300 Besucher ausgetauscht. Ein bestimmter Ton war schon nötig. Aber nur für das Kino und niemals persönlich. Man muss mit den Gästen und unter dem Personal doch wissen, was ist. Die vier Vorstellungen am Wochenende waren meistens voll. Das glaube man heute gar nicht. Man hat zusätzlich Feldstühle und alles gebraucht. Die Leute sassen nach Dörfern zusammen am gleichen Platz. 1., 2., 3. Rang. Der Balkon war schon reserviert. 4 Anweiserinnen, 2 Garderobefrauen, der Operateur und sie. Der Chef ist bis zur Vorstellung geblieben. Er rief dann seiner Frau an, es fülle sich ganz gut. Das vergesse sie nie. Die Polizei war häufig wegen Schlägereien da. Die Polizei hatte Gratiseintritt. Einige haben es also in ähnlichen Hosen versucht. Sie hat schon manchmal ein Auge zugedrückt. Nur beim in den Säcken versteckten Alkohol für die Nocturnes blieb sie streng. Für besondere Gäste lagen Karten auf der Seite. Sie hat das nicht gerne gemacht. Zuerst kamen jedenfalls die, die immer kamen. Das war ihr egal. Sie hat Coiffeuse gelernt. Mit den einfachen Leuten konnte sie immer gut. Die Italiener haben nicht mal die Wasserspühlung gekannt. Die Realität der Heimat wollte keiner sehen. Die Italiener blieben dann weg. Sie waren clanmässig organisiert. Zu den Frauen waren sie aber galant. Nicht so wie die Jugoslawen später. Auf Italienisch hat sie alle Kinowörter gelernt. Die Gastarbeiter konnten kein Deutsch. Früher sind vor allem die Männer ins Kino gekommen. Und bei den Pärchen war sie besonders korrekt. Da hat sie schon aufgepasst. Dass die Frauen nicht neidisch wurden. In der Pause ist eine Placeuse mit dem Bauchladen in den Saal. Man war noch für die Kunden da. Nicht wie heute die Kunden für das Geschäft. Sie ist mit dem Passepartout auch in der Freizeit viel ins Kino. Am liebsten ins Eldorado, Palermo oder Scala. Obwohl während der Arbeit immer jemand dabeibleiben musste. Dass der Film richtig lief und so. Und sie viele x-mal gesehen hat. Der Operateur konnte ja nicht die ganze Zeit durch das Guckloch schauen. Als ihr Mann starb, ist sie in ein Loch gefallen. Da hat sie nach einem halben Jahr Pause 1991 im Rex wieder angefangen. Später im STUDIO CENTRAL wurde sie überfallen und ausgeraubt. Sie hat ohne Noten nur mit dem Münz weiter bedient. Sie hat auch noch den Computer gelernt. Vor einem Jahr war nach dem Virus Schluss. Der Arzt hat einen Fehler gemacht. Das war 2005. Sie ist jetzt 86. Sie hätte gerne bis 100 gemacht. Es gibt doch noch viel zu erzählen.

Basel, Juli 2006

(Meta d'Aujourd'hui, geborene Schaeren, hat mit einem halben Jahr Unterbruch von 1959-2005 in Liestal und Basel als Kinokassiererin gearbeitet und wohnt heute im Adullam)



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